Von Paten, Broten und Pokalen

25 Jahre Wallauer Mittsommerlauf

In diesem Jahr wird es nach den beiden coronabedingten Absagen in 2020 und 2021 endlich wieder einen Wallauer Mittsommerlauf geben. Dieses Jahr soll endlich die Jubiläumsveranstaltung am 10. Juni 2022 stattfinden. Immerhin sind seit dem ersten Start am Sportplatz am Rheingauer Weg im Juni 1996 nunmehr schon mehr als 25 Jahre vergangen – ein Anlass, einmal zurückzuschauen auf eine Sportveranstaltung, die ein Vierteljahrhundert Laufsport im Ländchen geprägt hat.

Blicken wir zurück ins Jahr 1995. Der Höhepunkt der Laufbegeisterung in der Bevölkerung ist noch nicht erreicht, als fünf Engagierte beim TV Wallau Ideen für ein neues Sportevent des örtlichen Turnvereins sammeln. Der heutige Organisator Alexander Seitz war damals häufig bei Läufen in der Umgebung am Start und so kamen sein Vater Wolfgang Seitz und er, der damalige Regierungssprecher der Landesregierung Dirk Metz, der Organisationswart des Vereins Walter Gabel und der damalige sportliche Leiter der Turnabteilung Karli Schindler überein: Wir veranstalten einen Volkslauf! Ein Name war in Anlehnung an eine Aktion des örtlichen blaugelben Möbelhauses schnell gefunden: So war der „1. Wallauer Midsommarlauf“ aus der Wiege gehoben.

Was danach kam, hatte keiner erwartet. Die Organisatoren hatten mit einigen selbstgemachten Plakaten und Wurfzetteln im Ort auf die neue Veranstaltung aufmerksam gemacht. Man verpflichtete alle Vereinsmitglieder, nach Möglichkeit an den drei Läufen über 1 km, 3 km und 10 km teilzunehmen, damit das Feld nicht zu armselig werden sollte. Stoppuhren wurden bereitgelegt und Listen erstellt. Alles hoffte auf eine Teilnehmerzahl von möglichst 100 Personen. Und dann wurde Wallau zum ersten Mal „überrannt“. Allein bei der ersten Ausgabe des Mittsommerlaufs am 14. Juni 1996 kamen ohne Werbung 504 Teilnehmer. Schnell sah der Verein ein, dass das mit Bordmitteln nicht mehr zu bewältigen war und engagierte schon für die zweite Veranstaltung in 1997 eine professionelle Zeitnahme. Das war auch gut so, denn in den Folgejahren stieg die Teilnehmerzahl schnell auf maximal 2600 Läuferinnen und Läufer. Wallau war damit schlagartig unter den TOP 5 der Volksläufe in Hessen, nach Chase-Lauf, Frankfurt Marathon etc.

Was machte und macht den Reiz dieser Veranstaltung aus ? „Tja“, sagt Organisator der ersten Stunde Alexander Seitz, „das haben wir uns als Verein auch regelmäßig gefragt. Es gibt sicherlich schönere Strecken, es gibt sicherlich attraktivere Rahmenbedingungen, aber vielleicht ist es die einmalige Stimmung des sommerlichen Freitagabends in Wallau, das Gewühle, die tausenden von Zuschauern auf engstem Raum, die einerseits professionelle aber stets hemdsärmelige und auf die Bedürfnisse des Läufers ausgerichtete Organisation, der echte Breitensport in direkter Konkurrenz mit Topsportlern, die Angebote für die ganze Familie, schlicht die ganze Atmosphäre, die ein solches Großevent in einem kleinen Ort mit sich bringt.“

Letztlich ist es gerade diese Zusammenarbeit der örtlichen Gemeinschaft, die den Lauf so erfolgreich macht. Die Unterstützung sowohl von alljährlich 200 teilweise spontanen, ehrenamtlichen Helfern als auch von örtlichen Sponsoren ist enorm. Walter Gabel, wie Seitz von Anfang an dabei, weiß zu berichten, dass jedes Jahr 4 Wochen vor dem Start noch mindestens 150 Helfer fehlen. „Sobald ich aber unsere Helferanmeldung auf der Homepage freischalte, kann ich sicher sein, dass am Laufabend alle Helferplätze besetzt sind.“ Und er weiß, wovon er spricht. Seit 25 Jahren gehen jedes Jahr tausende Würstchen und Kuchenstücke über seine Theken am Wallauer Sportplatz.

Von Anfang an war es dem TV Wallau wichtig, besonders die örtlichen und regionalen Gewerbetreibenden als Sponsoren zu gewinnen. Im Laufe der Zeit ergaben sich so sehr langjährige Zusammenarbeiten und sehr kreative Ideen. Welcher Lauf kann schon ein eigenes Laufbrot vorweisen. Die Idee dazu kam der örtlichen Bäckerei Schießer, die seit vielen Jahren alljährlich den sog. „Startblock“, ein besonderes Fitnessbrot im Vorfeld und bis zum Laufabend verkauft. Auch die Laufshirts, die von Anbeginn an bei der Textildruckerei Image aus Wallau gedruckt werden, haben schon Kultstatus. Seit Jahrzehnten tragen z.B. die Bambini T-Shirts das Schraubenmännchen der Schlosserei Berkmann. Ein Logo, das extra vom Verein für das Unternehmen entworfen wurde. Bei den Läufershirts gibt es richtige Sammler, die sogar jedes Jahr noch Altbestände der Vorjahre aufkaufen. Einmal wurden vor einigen Jahren extra für eine Wallauer Familie, die nach den USA verzogen war, ein paar Shirts vorab gedruckt und per Express nach Amerika verschickt, damit dort zeitlich parallel zum Lauf in der Heimat auch ein Mittsommerlauf in New Jersey gelaufen werden konnte.

Eine geniale Idee war der Einfall des damaligen Laufsprechers Dirk Metz, jede Veranstaltung von einem „Laufpaten“ mitmoderieren zu lassen. Auch die regelmäßig sehr zugkräftigen Prominenten aus Sport und Gesellschaft geben dem Lauf seine besondere Note. In Wallau gab schon Ministerpräsident Roland Koch den Startschuss, ebenso wie Hammerwurfolympiasiegerin Betty Heidler oder Fußball-Ikone Jürgen Grabowski. Der Kirchenpräsident Volker Jung lief die 10 km genauso wie der erste deutsche Hawaii-Ironman-Sieger Thomas Hellriegel. Eine kleine Anekdote weiß Seitz in diesem Zusammenhang zu berichten. Als Pascal Roller, der Kapitän der Frankfurt Skyliners, vor einigen Jahren den Startschuss für den Frankfurt Marathon gab, wurde er vom Veranstalter über Mikrofon vor den zehntausend wartenden Läufern gefragt, ob das für ihn als Basketballer jetzt auch eine Premiere sei. „Nein“, sagte Roller, „er habe schon mal als Laufpate beim Wallauer Mittsommerlauf den Startschuss gegeben…..“

Die 25 Jahre sind auch Spiegel einer sich im Sport und der Technik verändernden Zeit. War es anfangs ausschließlich mit Papier und Bleistift möglich, sich anzumelden, ging der Mittsommerlauf schon früh auf Anmeldungen über das neue Medium E-Mail über. Schon Anfang der 2000er-Jahre besaß der Lauf eine eigene Homepage und schon bald waren die tausenden Meldungen nur noch über Online-Anmeldungen zu bewältigen. Martina Sinkovic, seit dieser Zeit verantwortlich für das Anmeldewesen, ist stolz, stets allen An- und Abmeldewünschen der Läuferinnen und Läufern nachgekommen zu sein und froh, dass jetzt durch die Einbindung einer Onlinebezahlung für alle Beteiligten Vieles einfacher geworden ist. Bis zum letzten Lauf gab es aber schließlich immer noch einen Läufer, der sich als einziger regelmäßig per Brief anmeldete…

Auch die Zeitnahme wurde stets weiter professionalisiert, man wechselte vom Handstoppen, über eine computerunterstützte manuelle Einlauferfassung hin zu transpondergestützten Chips und schließlich über per Magnetfeld auslesbare Leih- zu Einwegstartnummern. Gerade diese Startnummern, die einen aufgrund der eingebauten Technik recht hohen Anschaffungspreis hatten, zeigen die Kreativität der Organisatoren. Kurzerhand nahmen sie Pfand für die Nummern und verwendeten sie wieder. Aber um sich nicht mit allzuviel Kleingeld herumschlagen zu müssen, wurde die Aktion „Brot für Pfand“ ins Leben gerufen. Jeder konnte für die Startnummer bei der Rückgabe statt seines Pfandbetrages ein frisches Laufbrot der Bäckerei Schießer erhalten, später auch die Erdbeerschälchen von Pauls Bauernhof – und alle waren zufrieden. Apropos Erdbeeren: Der Lauf verläuft durch die Wallauer Gemarkung und so lag es nahe, dass die örtlichen Landwirte hier unterstützten. So gibt es auf der Strecke seit Jahren erlaubtes „Erdbeerdoping“ durch den Scholzenhof und Bauer Paul mäht jedes Jahr höchstpersönlich die Ränder der Strecke, damit die Läufer auf den Wallauer Feldwegen auch genug Platz finden.

Zur Strecke: Auch die Streckenführung wurde in den letzten 25 Jahren immer wieder durch Veränderungen in der örtlichen Topographie beeinflusst. Zwar war das Grundprinzip eines Kinderlaufes über 1 km in der Nähe von Start und Ziel, einer Mittelstrecke über 3 km durch den Wallauer Ortskern und einer 10 km Strecke rund um den Ort immer gleich. Baustellen, insbesondere der Bau der Umgehungsstraße und der ICE-Trasse, machten jedoch häufig Veränderungen in der Streckenführung nötig. Erst in den letzten Jahren konnte so die Strecke unverändert bleiben und wurde schließlich auch zur einzigen amtlich vermessenen bestenlistenfähigen Strecke im Main-Taunus-Kreis.

Mit wachsender Teilnehmerzahl gab es auch zusätzliche Anforderungen wie beispielsweise Absperrgitter, um Läufer und Zuschauer im Zielbereich zu trennen. Diese stellt seit jeher die Bereitschaftspolizei Wiesbaden zur Verfügung. Zum Abholen spendierte die Wallauer Firma Kies Klippert einen LKW. Ehrenamtlicher Fahrer war lange Jahre Franz Sanchez, der ein ausgesprochenes Talent dafür besaß, viel zu viele Gitter auf den LKW zu stapeln, der für den Transport von Absperrgittern eigentlich gar nicht gemacht war. Und so sah dann der Transport regelmäßig so ähnlich aus wie bei einem chinesischen Lastenfahrrad auf der Autobahn…

Müßig zu erwähnen, dass es in dem Vierteljahrhundert viele gab, die als Kinder beim Bambinilauf angefangen haben und heute gerne mit der eigenen Familie auf die Strecke gehen. Vielleicht erkennt sich der eine oder andere ja auf den „historischen“ Fotos der ersten Veranstaltungen wieder. Besonders im Schülerbereich war der Mittsommerlauf so etwas wie die „inoffizielle Hessenmeisterschaft“ im Straßenlauf. Teilweise waren hier bis zu 800 Schülerinnen und Schüler am Start. In Wallau den -etwas verniedlichend genannten – „Bamibini-Lauf“ über 1000 m zu gewinnen, war schon etwas wert. Nicht umsonst gab es einige junge Siegerinnen und Sieger, die später ihren Weg in die nationale Laufelite gefunden haben. Statistiker Rudolf Ewald weiß zu berichten, dass bei 24 Veranstaltungen insgesamt etwa 19.000 Läufer in Wallau am Start waren, aber es mittlerweile nur noch ganz wenige gibt, die an allen Veranstaltungen seit 1996 dabei waren.

Ein Erfolgsfaktor ist auch das gute und seit Jahrzehnten eingespielte Organisationsteam des Mittsommerlaufs. Letztlich sind es vier bis fünf Personen, die die Veranstaltung im Kern organisieren – nach 25 Jahren Erfahrung macht einem da niemand mehr etwas vor. Aber auch im erweiterten Stab weiß jeder um seine konkreten Aufgaben und seine Verantwortung. Schließlich wäre die Veranstaltung nichts, ohne die Vielzahl von Helfern am Veranstaltungstag. Wenn dann die Laufsprecher – Bürgermeister Christian Seitz und erster Stadtrat Wolfgang Exner – am Veranstaltungstag das Mikrofon in die Hand nehmen, Organisator Alexander Seitz sich auf sein Führungsfahrrad schwingt und die Startmusik von „Raumpatrouille Orion“ hunderten Bambini am Start eine Gänsehaut über den Rücken jagt, sind alle an ihrem Platz, einschließlich der Polizei und des Ordnungsamts.

Und überall gilt das Grundprinzip: Alles wird ehrenamtlich gemacht. Niemand bekommt eine Entschädigung, kein Läufer, auch nicht der prominenteste, bekommt Antrittsgelder oder Siegprämien. Und wenn dann noch der Laufpate und einstige Welthandballer Henning Fritz beim Abbauen hilft, wird deutlich, dass jeder dort anpackt, wo Hilfe gebraucht wird. Alle Einnahmen kommen ausschließlich dem gemeinnützigen Zweck der vereinseigenen Jugendarbeit zugute. In Wallau kann man nur Pokale und Ruhm gewinnen – und, wenn man jung genug ist, einen Kinderfahrradhelm von Velo-Lauck…

Bleibt zu hoffen, dass nach der hoffentlich bald beendeten „Coronapause“ in 2022 nunmehr endlich das 25. Laufjubiläum gefeiert werden kann. Der TV Wallau freut sich sehr darauf und hat schon die eine oder andere Idee im Köcher, wie man diese Jubiläumsveranstaltung gestalten kann. Schließlich ist das komplett neue vereinseigene Stadion noch gar nicht bei der Veranstaltung zum Einsatz gekommen.

Eines jedoch wird es nicht geben: Mitorganisator und einziger Wallauer Mittsommerlaufgesamtsieger im Hauptlauf über 10 km Mario Kleber betont: „Wir werden keine virtuelle Veranstaltung machen. Ein Event wie der Mittsommerlauf lebt von der Atmosphäre, vom Vorortsein, vom Wettstreit im großen Läuferfeld. Das kann man nicht virtuell ersetzen. Die Strecke wird ab Mai für alle ausgeschildert und markiert sein. Wer will kann dort auf eigene Gefahr trainieren. Und wem es gefällt, der kann uns ja per Mail ein Foto oder eine Bemerkung zur Veröffentlichung auf der Homepage schicken, vielleicht kann so etwas Atmosphäre eingefangen werden.“

Alexander Seitz